Freie Weichware Revisited Pt.6 - Jetzt die ganze WahrheitVerfasst von revA am 2. Januar 2010 - 20:20 |
Neues Jahr, neues Glück, neue Plugins und eine neue Ausgabe von Frische Weichware Revisited
Diesmal hab ich 4 Plugins rausgesucht, die ich vorstellen möchte, und da Töne lauter sprechen als Worte hab ich einen kurzen Demotrack (siehe/höre ganz unten) gebastelt, der hauptsächlich auf diesen Plugins aufbaut (ein paar andere sind auch dabei, die gibts dann demnächst). Also, in der Reihenfolge ihres Auftretens wären da:
Harsh Digital Nose von "insertpizhere"
Nein, ich hab da kein "i" vergessen, das Ding heisst wirklich Harte Digitale Nase, und ist ein Bild nach Musik Synth. Entwickelt wurde der (und jede Menge andere Plugs) im Rahmen der KVR Developer Challenge 2009, das ist ein Free for All Wettbewerb für Entwickler von Plugins, das Preisgeld und die Entscheidung über die Gewinner wird von der KVR-Forums Gemeinschaft entschieden.
Der HDN Synth benutzt Bilder, die per drag'n'drop aus dem Explorer in die GUI gezogen werden, zur Erzeugung von Wellenformen. Jedes Pixel wird zu einem Sample in der Wellenform, die Helligkeit des Pixels bestimmt die Lautstärke des Samples. Das funktioniert analog der Vorgehensweise eine beliebige nichtmusikalische Datei in einem Audioeditor als RAW-Data zu öffnen, der Name des Plugins weisst auch schon recht gut in die Richtung, in die der so erzeugte Klang geht, je nach Foto und Tuning des Fotoszillators ist von KnurpselKrachLoops bis hin zu Tonalen Klängen mit interessanten Obertonstrukturen alles drin.
Einen Eindruck macht der Anfang des Demotracks, das Geknurpsel ist das rechte Foto und der morph auf die Bassline ist ein Fade zum linken Foto. Der Tuningregler bestimmt mehr als nur die Tonhöhe des Signals, auch der Charakter des Sounds wird hiermit bestimmt.
Die Bedienelemente des Synths sind recht einfach, es gibt einen Crossfader um zwischen den beiden Fotoszillatoren überzublenden, beide sind getrennt voneinander pitchbar, eine ADSR Hüllkurve für die Lautstärke ist vorhanden, und schliesslich bestimmt ein Mastervolume die Ausgangslautstärke.
Das Ganze würde ich mal einen Bruder im Geiste der FM-Synthese nenne, nicht wirklich vorhersehbar, aber immer eine Tendenz zum Krachigen, und viele viele bunte Smarties... ähhh Obertöne. Ein lustiges Tool für Trial and Error Sounddesign.
Die Nummer 2 im Bunde ist im Track ab 0:19 und im weiteren Verlauf in zwei weiteren Rollen zu hören, sowohl die Drumsounds, als auch die Chordkeys und die Melodielinie sind mit dem Elek7ro von TAL gemacht.
Der Elek7ro ist ein klassischer virtuell-analoger Synth, die Eckdaten ganz kurz:
2 OSZ mit den üblichen Wellenformen, Hardsync, FM, Suboszillator, Noise, 24db LP/BP/HP plus 18db LP (303 ich hör dir knarzen) plus ADSR für Filter, ebenfalls eine ADSR für den Amp, eine freie AD plus 2 LFO. Genaueres zu den technischen Daten gibts hier: RTFM
Der Elek7ro ist ein sehr vielseitiger Synth, der dank Hardsync von OSZ1 und FM von OSZ2 auch sehr knarzig klingen kann, aber auch fette Bässe und Reese kann, Pads gehen von locker-flockig über hauchig-schneidend bis deep-space, quasi alles was man von nem virtuell-analogen mit dieser Ausstattung erwartet. Dank der flotten Hüllkurven ist auch Perkussives sehr gut machbar.
Ich finde der Elek7ro ergänzt sich sehr schön mit der TAL U-No-62, die tendenziell eher was runder und weicher klingt, und der Elek7ro die eckigeren Sounds übernimmt. Die Presets geben einen guten Überblick über die klangliche Bandbreite, und das ganze Soundgericht dann noch in einer übersichtlichen GUI angerichtet, nice!
Die Melodieline ab 3:15 wird mit einem weiteren Plugin der TAL Schmiede verdubt und zugenäht, hier schlägt das Dub-II Delay zu.
Das Dub-II ist mit vielfältigen Modulations- und Klangverbiegungsmöglichkeiten ausgestattet, auch hier nur kurz die Eckdaten angerissen, genauere Informationen im Manual. Die Delayzeiten sind wahlweise r/l getrennt oder gemeinsam entweder relativ zum Songtempo oder frei einstellbar, analog die Reglung fürs Feedback. In der Feedbackschleife tut eine 6db ResonanzLP seinen Dienst, am Delayausgang kann ein Tubeoverdrive zugemischt werden. Bevor der Sound im Panorama geroutet wird, läuft er noch durch einen 3db HP. Ein Sinus LFO kann Filterfrequenz und Delayzeit modulieren
Das Dub2 ist ein sehr vielseitiges Delay, von cleanen chorusigen Modulationsdelays bis zu Filterzerre und pfeifenden Feedbacks ist alles drin, wenn man das Delay auch als Effekt hören soll, ist das Dub2 ne gute Wahl.
Das war ja alles schon recht anhörlich, aber das Beste kommt zum Schluss. Sämtliche Hallräume im Track sind mit dem ReverberateLE von Liquid Sonics gemacht, der eigentlich garnicht in diese Serie passt, da Donationware. Und während die drei vorhergehenden Plugins für beide Arten von Computern erhältlich sind, müssen beim ReverberateLE die Obstbesitzer in den nichtvorhandenen Röhrenmonitor kucken, dieser hier ist nur für Rechner mit Fenstern.
Der ReverberateLE ist ein Faltungshall oder "Convolution Reverb" in nerdspeak. An dieser Stelle vielleicht mal eine kleine Reflektion über die Welt der diffusen Reflektionen, oder anders ausgedrückt: Nachdenken über den Nachhall.
Nach-Hall ist eigentlich nichts anderes als viele viele Echos gleichzeitig ineinanderlaufend. Wenn ich irgendwo einen Klang erzeuge, breiten sich die Schallwellen kreisförmig vom Ort der Entstehung aus, bis sie auf ein Hinderniss (Wand, Säule, Baum, Containerschiff) treffen, von dort aus werden sie wieder reflektiert. Die ersten Echos sind je nach räumlicher Gegebenheit noch als einzelne Klangereignisse wahrnehmbar, genau wie die ersten Wellen, die entstehen wenn man einen Stein in eine Pfütze wirft. Aber schon nach kurzer Zeit verlaufen die einzelnen Echos ineinander, und die typische Hallfahne entsteht. Da unser Gehör aber ein sehr kluges eines ist, entnimmt es der ersten Phase, im FX-Jargon: "early reflections", einiges an Information über den Raum, in dem das Hallereigniss entsteht. Ein langer schmaler Gang hat ganz andere Erstreflektionen, als ein grosser runder Raum, in dem vielleicht noch Säulen stehen. Je länger die Zeit zwischen Klangereigniss und den ersten Echos, desto grösser der Raum. Während die early reflection sehr viel Informationen über die Geometrie enthalten, verrät die diffuse Hallfahne viel über die schalldämpfenden Eigenschaften des Materials aus dem der Hallraum besteht. In einem gekachelten Raum bleiben die hohen Frequenzen viel länger in der Hallfahne enthalten als in einer Gummizelle, wo die weichen Wände die hohen Frequenzen stärker abdämpfen. Die Hallzeit/Decay wird auch als RT60 Zeit angegeben, dieser Wert gibt die Zeit an, die vergeht bis der Nachhall 60db leiser ist als das ursprüngliche Klangereigniss.
Soviel erstmal zu den physikalischen Grundlagen. Für uns Musikschaffende ist es aber ganz praktisch Hallräume außerhalb der tatsächlich greifbaren physikalischen Welt zu haben, denn man kann ja nicht immer zum Didge spielen in die Kirche, oder mit der Snaredrum aufs Klo gehen, um den gewünschten Sound zu haben. Und mein Pastor hat mich des letzt auch rausgeworfen, als ich angefangen hab, in der Kirche überall dicke Teppiche aufzuhängen, um die Höhen etwas rauszunehmen, weil die Ketarre sonst so klirrt... Er rief mir noch etwas von Satan in der Popmusik, Roland's Lexikon und Entzerrung hinterher, keine Ahnung was er damit meinte.
Anfangs (zum Teil heute noch) hatte man in Studios extra leere Räume, in dennen auf einer Seite Lautsprecher und auf der anderen Seite Mikros standen, um Hall auf trocken aufgenommene Sounds legen zu können. Diese Hallräume sind natürlich eher unflexibel, was die Veränderbarkeit des Halls angeht, und erfordern auch baulich einigen Aufwand – beispielsweise Schallisolierung von aussen.
Bald kamen aber auch mechanische Hallgeräte auf, das waren entweder grosse schwingend aufgehängte Metalplatten, an dennen auf der einen Seite eine Schwingung induziert wurde, die an anderer Stelle wieder abgenommen wurde (plate reverb). Ein ganz berühmtes Gerät dieser Bauart ist die "Weltraumheizung" EMT 250.
Die andere Variante der mechanischen Hallgeräte ist die Hallspirale, hier ist die Platte durch eine schwingend aufgehängte Spiralfeder ersetzt, die ebenfalls legendären Roland Space Echos hatten solch eine Halleinheit, auch in Gitarrenamps ist dieser Hall aktuell zu finden. Der sogenannte spring reverb hat einen sehr eigenen Klang, der besonders im Dub auf den typischen Drumsounds zu finden ist.
Aber die digitale Technik war nicht aufzuhalten, und so wurden Hallgeräte entwickelt, die digital auf Basis von Delays Hall erzeugten. Mit steigender Rechenleistung der DSPs wurden auch diese algorithmischen Hallgeräte immer leistungsfähiger und klangen natürlicher als noch die ersten digital reverbs. Die letzte Stufe der digitalen Hallerzeugung, ist im Prinzip der Hallraum (s.o.) im Rechner. Im Faltungshall wird zuerst ein akustisches Photo vom gewünschten Hallraum gemacht, die sogenannte Impulsantwort. Hierzu wird entweder ein Knall oder ein Sinussweep abgespielt, und Mikrofone an anderer Stelle im Raum nehmen den Hall auf. Nun wird aus dem aufgenommenen Material das ursprüngliche Klangereigniss herausgerechnet, so das nur noch die Information über den Nachhall übrigbleibt. Diese Impulsantwort wird nun in den Faltungshall geladen, und dort mittels FFT so zerlegt, das die RT60 der einzelnen Frequenzen errechnet mit. Das zu verhallenden Signal wird ebenfalls per FFT zerlegt und die Impulsantwort entsprechend der Frequenzverteilung des Eingangssignals hinzugerechnet. Das klingt nicht nur erstmal kompliziert, sondern ist es auch, weshalb die ersten Faltungshalls für Rechner auch ziemliche CPU-Fresser und mit einiger Latenz gesegnet waren. Aber dank Herrn Moore und der Weiterentwicklung der Algorithmen fällt das heute praktisch nicht mehr ins Gewicht. Mit einem modernen Faltungshall kann man sich praktisch jeden Raum der Welt, und noch einige mehr, in sein kleines Heimstudio holen. Impulsantworten physikalischer Raume und sämtlicher legendärer Geräten gibt es als freie Downloads im Internet. Aber nicht nur Räume können gefaltet werden, auch Impulsantworten klassischer EQs oder andere Geräte sind verfügbar. Weiterhin kann der Faltungshall auch zweckentfremdet eingesetzt werden, beispielsweise als Vocoder"ersatz" mit einem Crashbecken als Impulsantwort. Da ist der Experimentierfreude keine Grenze gesetzt, da bekommt der Spruch: "Falt mal einen" eine ganz neue Bedeutung. Ich falte, also hallt es, mit diesen Cartesianischen Gedanken möchte ich dann diesen kleinen Exkurs beenden und zu ReverberateLE zurückkommen.
Dieses wunderbare Plugin ist nämlich superst dazu geeignet in die Welt des Faltungshalls einzusteigen. Die CPU Belastung ist erfreulich gering, eine Instanz hat je nach Impulsantwort auf meinem 2.4Ghz Dualcore 2-3% Prozessor gebraucht und das im Zero Latency Modus! Da ist dann alles drin was man so braucht, eine ADSHR Hüllkurve ist für den Lautstärkeverlauf zuständig, der Predelay ist bis 0.5s regelbar, die Impulsantwort kann zwischen 50-150% gestreckt werden. Die Impulsantworten dürfen in .wav, .aiff oder .flac vorliegen. Die Impulsantworten können auf der GUI durchgeschaltet werden, man öffnet den Ordner mit den Samples und kann dann im Betrieb durch die Impulsantworten in diesem Ordner klicken. Dem Hall nachgelagert ist ein 5 Band EQ. Die Latenz kann bei Bedarf vergrössert werden, was die CPU Belastung noch weiter verringert.
Die GUI ist sehr aufgeräumt und übersichtlich gestaltet.
Eine spannende Sache ist die GPU Variante des ReverberateLE, hierbei werden Nvidia GPU ab Serie 8 unterstützt, und die Berechnung auf die GPU ausgelagert, so das die CPU weiter entlastet wird. Diese Version des Plugins ist aber noch in der Entwicklung und funktioniert noch nicht auf jeder Nvidia Karte, aber versuch macht kluch. Da ich keine Nvidia besitze, kann ich leider auch nichts dazu sagen, ob und wie gut das funktioniert. Leider hat aufgrund der Datenschieberei die GPU Variante mit einer Mindestlatenz von 512 Samples.
Hier noch ein paar Quellen für Impulsantworten:
http://www.rhythminmind.net/presetblog/category/samples/impulse-sets/
http://www.echochamber.ch/responses/index.html
http://noisevault.com/nv/index.php?option=com_remository&Itemid=29
http://www.acoustics.net/content.asp?id=96
http://www.intelligentmachinery.net/contdis/node/14
Soviel also zur ersten Folge von FWR im Jahre des Herrn 2010, more to come!
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Sonntagsnachmittagsinput...
So macht das Spaß, auch an (Kater-) Sonntagen die Kanäle für Aufnahme scharf zu schalten. Hm, ob ich wohl doch noch den Fensterrechner wieder aus`m Keller hole allein um ReverberateLE zu testen?! Lass mal nachdenken...nein. Aber vlt. ein weiterer Grund die Obstkiste mit Fenstern aus zu statten. Der Track gefällt mir, aber das weißt du ja schon. Ansonsten schön aufgemachter Artikel. Fleißkärtchen sind dir sicher...:-)
LG
nnc
jeiejijeihhh...
..feine neue Geräuschespielsachen, bin gerade am ausprobieren und...es knurpselt : )