TheDayMyHopeDied (take1)Verfasst von Wound am 19. September 2009 - 19:40 |
Ich habe heute zum ersten Mal meinen neuesten Track aufgenommen. Da es sowas, wie eine finale Version bei uns ja eh selten gibt, lasse ich den jetzt einfach mal auf Euch los, wie er derzeit ist.
Ich hab den Track übrigens auch mal bei SoundCloud hochgeladen. Da könnt Ihr Euch das File auch in CD-Qualität heruntersaugen und gezielt bestimmte Stellen kommentieren. Und hier der Player:
TheDayMyHopeDied take1 by Wound
Die Grundstimmung der ganzen Nummer wurde mal wieder aus einer ganz gloomigen Stimmung geboren. Ich gehe da nicht viel weiter auf Ursachen ein, aber jedenfalls war ich ziemlich durchdrungen von einem Gefühl der Hilflosigkeit. Gleichzeitig schwirrten mir myriaden Gedanken durch den Kopf und schufen dort eine ganz merkwürdige Symphonie. Didge-Spielen hilft mir eigentlich immer, einen klaren Kopf zu bekommen und verfehlte seine Wirkung auch diesmal nicht. Und dann wollte ich den Augenblick nutzen und einen bestimmten Sound, den ich gerade aus dem Hohlholz geholt hatte per Live verstärken.
Die Didge-Loop
Ich habe also tatsächlich erstmal nach einem interessanten Effektrouting gesucht, um es mit dem Didge anzublasen. Beim Herumpusten zunächst ohne Verkabelung habe ich mich an der Wirkung einer Didge-Phrase festgebissen, die irgendwie klingt wie "Too-easy-too-wow" und zwar im 6/8-Takt. Das habe ich ca. eine halbe Stunde so vor mich hin gespielt und irgendwann für ein paar Minuten verschiedene Variationen davon aufgenommen. Schwupps, das WAV vom Zoom direkt in ne Live-Spur rübergeschmissen und mir ne hübsche Partie gesucht, die sich bei Halten der Stimmung über einige Takte guten loopen ließ und dennoch ein gewisses Leben im Spiel hat. Dann hab ich Loop und Warp angeschmissen und mir den Schleifenrücksprung rund gemacht - Routine.
Didge-FX
Eigentlich wollte ich diese Loop, die nun über 3 Takte geht, vor Allem nutzen, um Effektwege für Mikrofonierung auzuprobieren und dabei die Hände frei zu haben. Aber wie das denn dann so ist, wenn's grad gut klingt, kann ich ja nicht einfach aufhören... und mir ist total der Topf vom Kopf gefallen, als ich beim rumwarpen des Samples die Längenanpassung durch Re-Pitchen durchgeführt habe. Der Bass und die Obertonspitzen haben sich mir direkt in den Nacken gekrallt, bei nur 48bpm! Schönster wabernder Noise begann sich abzuzeichen.
Hinter Samples lege ich fast immer direkt einen EQ8 und betone die Frequenzbänder, in denen der Sound am charakteristischsten ist. Hinter dem Didge liegen dann noch ein Grain-Delay, ein Saturator und noch ein EQ8, um die entstandenen Distortions einzuleveln. Später habe ich auf die Spur noch einen ziemlich eng gestellten Kompressor geschraubt mit extrem weichen Attack- und Release-Werten, der mir die Lautstärkeschwankungen beim Herumschubsen des Saturators und des Eingangs-EQs abfängt. Das Signal kriegt auf dem Send einen Hall für die Höhen, mit verstärktem Reflect- und gedämpftem Diffuse-Anteil. Dessen Raum habe ich so angepasst, dass die Kreisch- und Knarz-Parts ein ganz sanft angezischtes Volumen bekommen. Der Effekt wurde noch schwurbeliger, als ich vor den Hall noch einen ganz leichten Simple Delay auf der 4 und der 6 mit 20% FB und 45% Wetness herumtanzen ließ. Im Kopf hörte ich mittlerweile schon einen passenden Rhytmus dazu und versuchte den irgendwie möglichst schnell mit einem Preset zu skizzieren. Leider ging mir dessen Sound irgendwann derart auf die Nerven, daß ich das ganze Projekt dann für über eine Woche in die Ecke geknallt habe. Aber gut pennen konnte ich dann wenigstens erstmal. :)
Percussion
Letzten Freitag fand ich mich wiederholt in einem kleinen Nichts wieder, in dem mich nur Sound wirklich zu fangen versprach. Ich grub also die Session wieder aus, klemmte mir die Ohrsessel auf und schickte zunächst große Teile des Drumparts ins Nirvana. Ich habe mich eine ganze Weile damit beschäftigt, zunächst die Dynamik und Betonung der Perkussionsspur so anzupassen, bis sie in etwa meiner ursprünglichen Idee entsprach. Damit hatte ich dann in etwa das Pattern in der komplexen, flotten Fassung, wie es im letzten Drittel zu hören ist. Nur der Klangcharakter blieb nachwievor inakzeptabel. Mit dem "Corpus" Effekt konnte ich schließlich der Spur endlich genau die Arten Leben, Textur und Tune einhauchen, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Dieses Stück zu bauen, gab mir jede Menge Energie und ich wollte, dass sich die Entwicklung meiner Stimmung aus einem wabernden Ungefühl zu einer fliegenden Bewegung mit klarer Richtung in der Dramaturgie des Tracks wiederfindet. Dazu benötigte ich aber eine langsamere Steigerung des Drum-Parts, so daß ich noch ein entsprechend entspannteres Pattern für den Einstieg und die Landung vorbereitete. Während ich die ganze Angelegenheit dann einige Zeit laufen ließ feilte ich die Poti-Belegung weiter aus, um die Nummer spielbar zu bekommen. Zu diesem Punkt wurde mir endgültig klar, daß ich das mit dem Live-Didgen dabei vergessen kann, was echt ein Jammer ist. Ich brauche beide Hände an den Controllern. Vielleicht muß ich mir mal eine Didge-Halterung bauen.
Die Recording-Session
Am Samstagnachmittag habe ich das gesamte Balancing vorgenommen und festgestellt, dass der Nummer noch ein Kick in den oberen Mitten fehlte. Nein, ich habe nicht ernsthaft über Gesang nachgedacht, um das gleich vorweg zu nehmen. ;) Ich brauchte etwas, für ein Wechselspielchen, zum Erhöhen der Spannung und um die Klangfarbe zwischenzeitlich zur "Erholung" aus den Bässen herauszuheben. Eine etwas anders abgemischte Kopie der Didge-Spur, und um eine Oktave hoch transponiert, war die einfachste Lösung, eröffnete aber gleich wieder soviele Möglichkeiten zum herumspielen, daß es dabei geblieben ist. Nachdem ich die Percussion noch mit einigen verspielten Rolls und einem Chorus aufgepeppt und die Controller-Belegung etwas umgedreht hatte, schmiss ich in Live die Aufnahme an und spielte es in einem Rutsch so ein, wie Ihr es jetzt hört (abgesehen von der lausigen Quali im Netz). Selbstverständlich wie immer ohne Controller-Automation.
Der Titel (und warum Hoffnung nicht unbedingt ein positives Prinzip ist)
VORSICHT! Halbgares, meinungsschwangeres, psychophilosophisches Geschwätz voraus! :)
"Warum denn son deprimierter Titel?" hat RevA in seinem Kommentar "gemeckert". Aus meiner verschrobenen Sicht ist der Titel genauso wenig depressiv, wie der ganze Track ansich. Der Name kam einerseits durch die Stimmung des ersten Abends zustande, andem ich realisierte, daß ich ruhelos um etwas bangte und mich mit irgendwelchen Hoffnungs-Formeln selbst zu betäuben suchte. Ein fürchterlich beklemmendes und lähmendes Gefühl. Während des Didge-Spiels begann ich mein Gefühl und meinen Umgang damit klarer zu sehen.
Hoffen und Bangen sind zwei Seiten ein und desselben Gemütszustands. Es ist mir unmöglich, zu hoffen, wenn ich nicht gleichzeitig bange, dass das Erhoffte nicht eintritt. Wenn ich also nicht bange, bin ich offensichtlich davon überzeugt, dass das gewünschte Ereignis eintritt, oder es ist mir gleichgültig. Umgekehrt, wenn ich befürchte, dass etwas Unangenehmes passiert, heißt das, daß ich mir nicht sicher bin. Es könnte, vielleicht auch wahrscheinlich eintreten. Allen Fällen gemeinsam ist der Glaube, auf das bedachte Ereignis keinen Einfluss nehmen zu können. Es gibt viele Faktoren, die tatsächlich außerhalb des eigenen Einflusses stehen. Der Fall, ob ich morgen von einem Auto angefahren werden könnte, hängt z.B. von unüberschaubar Vielem ab. Die Wahrscheinlichkeit, kann ich nicht abschätzen. Selbstverständlich könnte ich sie auf annähernd Null reduzieren, indem ich einfach das Haus nicht verließe, oder hoffen, daß es nicht passiert, oder bangen, daß es passiert. Für mich ist die erste Lösung Quatsch, weil sie dazu führt, daß ich ernsthaft um meinen Arbeitsplatz bangen müßte, sobald ich anfinge, bei jeder Ängstlichkeit in meinem Loch zu bleiben. Die beiden anderen Varianten sind aber ebenfalls Blödsinn, da sie mich im hier und jetzt beschäftigen und meine Kraft für Anderes aufzehren. Hoffen und Bangen kommen aus meiner Sicht nicht ohne einander aus, weshalb ich der Hoffnung ihre im allgemeinen positive Bewertung nicht zuerkennen kann. Und unabhängig ob jemand jetzt persönlich glaubt, nur das eine oder andere zu tun, nimmt der Vorgang seine Aufmerksamkeit und Energie in Anspruch, solange er sich nicht davon befreit.
Nun will ich nicht sagen, dass Hoffen oder Bangen nicht existieren oder nicht existieren sollten. Die Nützlichkeit dieses Gefühlszustands verbraucht sich nur sehr rasch, vielleicht sogar schneller, als die von Schmerz, denn im Gegensatz zu Vorgängen wie Träumen oder Wünschen, liegt beim Hoffen viel zu viel Aufmerksamkeit auf dem eigenen vermuteten Unvermögen, Einfluß auszuüben, was auf die Spitze getrieben vermutlich zu Resignation führt. Ich vertrete mittlerweile die Ansicht, dass es nützlich ist, möglichst schnell bewusst zu erkennen, wenn man auf etwas hofft und sich daraufhin durch das Fällen einer Handlungsentscheidung möglichst zügig von diesem seelischen Ressourcenfresser zu befreien. Das womöglich bevorstehende Ereignis zu ignorieren ist genausowenig eine Lösung, wie sich zu verkriechen. Es lohnt sich hingegen, etwas Erhofftes entweder so wichtig zu nehmen, daß man die Energie zum Fassen eines Planes aufbringt, womit aus dem Erhofften/Befürchteten ein Traum (also Vision von etwas Gutem, zu Erreichenden, oder etwas Schlechtem, zu Vermeidendem) wird, oder das Thema abzuhaken und sich mit Substantiellerem zu Befassen. Wenn etwas in die Hose gehen sollte, auf das man nun wirklich keinen Einfluss hätte nehmen können, hätte es auch keinen Sinn gemacht, die Zeit bis dahin tatenlos in Lethargie zu vergammeln.
Der Tag an dem meine Hoffnung starb, war ein Tag, an dem ich wieder einmal die Tiefe meiner Gefühlswelt ausloten konnte, um das zu erkennen, was mir wirklich Wichtig ist und meine Sicht auf die Realität ausmacht. Durch die Plastizität dieser Wahrnehmung ist die ungeheure Vielzahl der tatsächlich möglichen Wege viel leichter zu erkennen, und damit auch derer, die die eigenen Füße am sichersten oder schnellsten dorthin tragen. Die Entscheidung ist frei.
Carpe diem!
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fett alter fett!
nabend
hör grad in den track rein, sehr geil, echt fett, anfangs fragte ich mich noch wie du den sound gemacht hast, aber nach einiger zeit wirds ja erkennbar ein didge, sehr geil!
der rhythmus der ab der hälfte reinkommt ist auch sehr nice, und entwickelt sich sehr schön im weiteren verlauf.
lass mal was voodoo aus der kiste: wie hasten track gemacht? erst gedidged und dann fx oder direkt mit fx aufm didge eingespielt, welcher zerrer, rhythmus zum didge gemacht oder didge zum rhythmus?
fragen über fragen, sehr schöner track, toller spannungsbogen!
nur eins hab ich zu meckern: warum denn son deprimierter titel :-( ;-)
greetz
thorsten
Didge Voodoo
Heißen Dank für's gute Feedback!
Ich glaube, die Antworten kann ich nur im Zusammenhang wiedergeben und diese gehören in die Geschichte zu dem Stück. Daher habe ich jetzt den Blog entsprechend erweitert. Viel Spaß mit meinem wirren Geschreibsel. ;)
Energie
Sehr gut der Track!
Wundervoll wie Deine sägenden und saugenden; zischenden und knirschenden Energiewellen die hier schallvoll aus meinen Membranen drangen, es geschafft haben hinter die Blockade in meiner Brust zu wubbern. Welch Durchbruch Wound.
Jetzt hab ich gerade Rückenschmerzen, unter meinem Augenlid zuckt es unkontrolliert und ich bekomme Zahnschmerzen.
Wie gut das meine Akkupunktur und Psychotherapie nächste Woche beginnt. :D
Kleine Anekdote zum Ablauf des Hörerlebnisses: Track läuft los: mein kleiner Sohnemann rennt herbei und lässt sich auf meinen Schoss setzen und macht folgendes Geräusch aus tiefster Inbrunst: HooHooo!
Jetzt singen just in dem Moment meine Nachbarn aus eben der gleichen Inbrunst und somit beende ich das Getippe hier beim weiteren Zuhören!